{"id":2501,"date":"2016-05-02T16:04:18","date_gmt":"2016-05-02T16:04:18","guid":{"rendered":"http:\/\/at.rechtsinfokollektiv.org\/?p=2501"},"modified":"2016-05-02T16:04:18","modified_gmt":"2016-05-02T16:04:18","slug":"faschos-anzeigen-uberlegungen-zu-rechtstaat-und-rechter-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/at.rechtsinfokollektiv.org\/?p=2501","title":{"rendered":"Faschos anzeigen?! \u00dcberlegungen zu Rechtstaat und rechter Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder kommt es zu gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen durch Rechte. Wie damit umzugehen ist, wirft oft auch die Frage auf, wie mit eventuell daran anschlie\u00dfenden Strafverfahren umgegangen werden soll. Dieser Text will niemandem die Entscheidung abnehmen, ob es Sinn macht einen gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriff anzuzeigen oder nicht. H\u00e4ufig hat eins auch gar nicht die Wahl, weil die Polizei unabh\u00e4ngig von einer Anzeige davon mitbekommt. Auch kann es viele verschiedene Konstellationen geben, auf die die Gedanken, die wir uns dazu gemacht haben, nicht passen. Stattdessen wollen wir versuchen, \u00dcberlegungen zu diesem Thema zusammenzutragen und auf ein paar Probleme aufmerksam machen, die sich im Zusammenhang mit einer Anzeige ergeben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>An dieser Stelle sehen wir keinen Platz, die politische Sinnhaftigkeit einer Anzeige gegen Nazis zu diskutieren. Trotzdem finden wir es wichtig, sich im Vorhinein die Frage zu stellen, was die eigene Motivation hinter der Anzeige ist. Das Bed\u00fcrfnis nach \u201eEtwas-dagegen-tun\u201c, ist sehr verst\u00e4ndlich, aber eine Strafanzeige ist nicht der einzige, oft nicht der zielf\u00fchrendste <!-- Der Satz klingt jetzt iwie komisch, wollte nur das doppelte \u201evor allem\u201c vermeiden. -->und vor allem kein emanzipatorischer Weg. Geht es darum Schmerzensgeld zu bekommen, darum mediale Aufmerksamkeit auf rechte Gewalt zu lenken oder darum, die Nazis \u00fcber den Rechtsweg in die Schranken zu weisen? Strafverfahren beanspruchen au\u00dferdem nicht nur Ressourcen von denen, die angezeigt werden, sondern auch von dir, der Person die sich daf\u00fcr einsetzt, dass jemand verurteilt wird und deshalb zu Vorladungen gehen und sich Strategien \u00fcberlegen muss.<\/p>\n<p><u>1. Erste Schritte<\/u><\/p>\n<p>Direkt nach dem Vorfall macht es Sinn, ein Ged\u00e4chtnisprotokoll zu schreiben, damit du dich egal wie du dich entscheiden solltest an alles erinnern kannst. Bewahre dieses Protokoll sicher auf, schicke es nicht unverschl\u00fcsselt herum und stelle es nicht ins Internet. F\u00fcr den Fall einer sp\u00e4teren Anzeige macht es Sinn, Verletzungen m\u00f6glichst genau zu dokumentieren. \u00c4rzt*innen unterliegen grunds\u00e4tzlich der Schweigepflicht. Bei schweren Verletzungen, die durch eine strafrechtliche Handlung entstanden sind, haben sie allerdings die Pflicht, Anzeige zu erstatten (\u00a754 \u00c4rzteG). Schwere Verletzungen sind z.B. Knochenbr\u00fcche, nicht aber ausgeschlagene Z\u00e4hne. Bei Personen unter 18 beginnt die Anzeigepflicht schon fr\u00fcher.<\/p>\n<p><u>2. Was ist eine Anzeige und kann ich sie zur\u00fcckziehen?<\/u><\/p>\n<p>Eine Anzeige liegt nicht erst vor, wenn du zur Polizei gehst und sie \u00fcber einen Vorfall informierst. Grunds\u00e4tzlich m\u00fcssen die Cops nach \u00f6sterreichischem Recht Anzeige erstatten, wenn sie von strafbarem Verhalten erfahren. Das hei\u00dft, dass sie verpflichtet sind, Anzeige zu erstatten, wenn du sie auf eine potentielle Straftat aufmerksam machst, aber auch, wenn Zeug*innen sie dar\u00fcber informieren oder die Polizist*innen die Situation selbst mitbekommen. F\u00fcr die allermeisten Delikte, die das \u00f6sterreichische Strafrecht kennt, gilt auch, dass nur die Beh\u00f6rden selbst ein Verfahren einstellen k\u00f6nnen. Das hei\u00dft, dass du, selbst wenn du Opfer einer Straftat bist, in der Regel nicht selbst entscheiden kannst, die Anzeige zur\u00fcckzuziehen, weil es um den Strafanspruch des Staates und nicht des Opfers geht. Eine Ausnahme davon sind z.B. Beleidigungsdelikte, jedenfalls aber nicht K\u00f6rperverletzungsdelikte. Die Cops sind \u00fcbrigens auch verpflichtet, eine Anzeige von dir entgegenzunehmen.<\/p>\n<p><u>3. Welche Rechte habe ich als Opfer im Strafverfahren?<\/u><\/p>\n<p>Als Opfer hast du grunds\u00e4tzlich denselben Status wie Zeug*innen, aber auch einige Rechte die dar\u00fcber hinausgehen. Falschaussagen sind also gerichtlich strafbar und du hast kein generelles Aussageverweigerungsrecht. Allerdings muss sich niemand, egal ob Zeug*in oder Opfer, vor Gericht selbst belasten.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Zus\u00e4tzlich hast du aber das Recht auf Akteneinsicht und die M\u00f6glichkeit, im Rahmen des Strafverfahrens deine privatrechtlichen Anspr\u00fcche, wie z.B. Schadenersatz geltend zu machen. Au\u00dferdem kannst du die Angebote psychosozialer und juristischer Prozessbegleitung gratis nutzen.<\/p>\n<p><u>4. Was passiert mit meinen Daten, wenn ich Anzeige erstatte?<\/u><\/p>\n<p>Beschuldigte haben ein Recht auf Akteneinsicht. Gleichzeitig werden die Daten von Zeug*innen und Opfern akribisch genau in den Akten dokumentiert. Umfasst sind z.B. Name, Adresse, Name der Eltern, aber auch alle Daten, die du sonst angibst, wie z.B. deine Handynummer. Eine Anzeige zu machen, bzw. als Zeug*in auszusagen kann bedeuten, dass die Gegenseite ganz leicht alle deine Daten bekommt. Die M\u00f6glichkeiten, das zu verhindern, sind nicht besonders vielf\u00e4ltig und werden in der Praxis von Polizist*innen oft \u201evergessen\u201c wahrzunehmen. Besonders deinen Namen wirst du kaum aus dem Akt raushalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es macht auf jeden Fall Sinn, den\/die Polizist*in darauf hinzuweisen, dass du aus Sicherheitsgr\u00fcnden bzw. Angst vor Angriffen auf dich, deine Daten nicht im Akt stehen haben willst. Leider zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass dieser Forderung nicht unbedingt nachgekommen wird. Unter bestimmten Umst\u00e4nden gibt es die M\u00f6glichkeit, dass bestimmte Opfereinrichtungen, wie zum Beispiel der Wei\u00dfe Ring, dich unterst\u00fctzen. So kannst du erreichen, dass der Briefverkehr \u00fcber diese Institutionen l\u00e4uft und somit die Wahrscheinlichkeit erh\u00f6ht wird, dass deine Daten nicht an die Beschuldigten weitergegeben werden. Aber auch hier gibt es F\u00e4lle, in denen die Daten gelandet sind, wo sie nicht landen sollten.<\/p>\n<p>So oder so wirst du aber zumindest der Polizei einiges an Daten \u00fcberlassen, die sie vielleicht noch nicht haben und die auch zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt noch verwendet werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><u>5. Gegenanzeigen<\/u><\/p>\n<p>Eine nicht besonders unlogische Reaktion von Beschuldigten ist es zu sagen, dass die andere Person sie vorher angegriffen hat oder sie im Zuge einer Rangelei selbst verletzt wurden. H\u00e4ufig hat das zur Konsequenz, dass sich der Opferstatus der Person, die anzeigt, umwandelt und sie dann selbst als Beschuldigte*r gef\u00fchrt wird. Oft \u00e4ndert sich dadurch auch das Delikt, und die Anzeige lautet nicht mehr auf K\u00f6rperverletzung (\u00a7\u00a783 ff. StGB), sondern auf \u201eRaufhandel\u201c (\u00a791 StGB). Im Prinzip bedeutet dieser Vorwurf, dass mehrere Personen an einer Rauferei beteiligt waren und alle wegen diesem Delikt gleicherma\u00dfen zu bestrafen sind. W\u00e4hrend beim Vorwurf der K\u00f6rperverletzung nachgewiesen werden muss, dass das Handeln einer konkreten Person zu einer Verletzung bei einer anderen gef\u00fchrt hat, reicht es beim Raufhandel aus, schlichtweg dabei gewesen zu sein und in irgendeiner Form t\u00e4tlich am Raufhandel teilgenommen zu haben. Kurz: Wenn du anzeigst, kann es passieren, dass du selbst beschuldigt und in weiterer Folge angezeigt wirst, einige dieser Erfahrungen gibt es auch schon in Wien. Zwar ist die Strafdrohung f\u00fcr Raufhandel nicht besonders hoch und meistens wird nicht mehr als eine Diversion verh\u00e4ngt werden, trotzdem bedeutet so ein Verfahren Stress und ist h\u00e4ufig auch teuer.<\/p>\n<p>Achte vor allem in Vernehmungssituationen und bei allen Schriftst\u00fccken darauf, als was du gef\u00fchrt wirst (Opfer oder Beschuldigte*r), damit du schnell genug reagieren kannst. Wenn du merkst, dass sich der Vorwurf auch gegen dich richtet, verweigere die Aussage und berate dich mit Freund*innen und Antirepressionsstrukturen.<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Wann du als Beschuldigte*r\/Zeug*in die Aussage verweigern kannst, findest du hier.<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder kommt es zu gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen durch Rechte. 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